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Let’s talk about… was ist eigentlich Heimat?

written by Anni 26. November 2017

Der Gedanke kommt mir seit Jahren immer mal wieder. Erst noch vor ein paar Monaten, gerade als ich  mein Studium beendet hatte, und auch jetzt wieder, in einem neuen Umfeld mit neuen Menschen, die mich und die ich noch nicht wirklich kenne. Die große Frage, was eigentlich Heimat wirklich ist. Auch wenn ich inzwischen zu dem Punkt gekommen bin an dem ich denke, dass jeder seine eigenen Definition davon hat, möchte ich trotzdem gerne mal meine Gedanken aufschreiben. Wirklich von Anfang an. Mit (fast) jedem – inzwischen zum Teil wieder verworfenen – Gedankengang.

Es gibt sie überall – die Menschen, die aus ihrer Ursprungs-Umgebung nicht herauskommen

Vor ein paar Monaten habe ich mich mit einer guten Freundin unterhalten und ihr erzählt, dass ich über diesen Blogpost nachdenke. Auch sie ist vor vier Jahren für das Studium nach Hamburg gezogen, allerdings hat sie auch schon vorher für einige Zeit in einer anderen Stadt gewohnt als ihre Eltern. Wahrscheinlich ist das auch einer der Gründe, warum wir uns so gut über das Thema austauschen konnten und in vielen Punkten einer Meinung waren. Sie hat mir außerdem eine interessante Geschichte erzählt, die total in mein Bild passt:

Eine alte Freundin von ihr, die mit 16 eine Ausbildung angefangen hat und seitdem im gleichen Betrieb arbeitet, kommt nicht weg aus dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist. Für die beiden inzwischen in vielen Punkten eine arge Herausforderung, da ihr Denken und ihre Weltanschauung zum Teil völlig gegensätzlich sind. Besagte Freundin hatte mit 18 Jahren ein Auto zur Verfügung, hat seit sechs Jahren den gleichen Freund und ist gerade mal Anfang 20. Für die Mitt-zwanziger Großstadt-Single-Damen unter uns, die gerade mitten im Studium stecken oder noch gar nicht wissen, was sie “später mal machen wollen”, die noch 15 verschiedene Orte bereisen wollen, bevor sie sesshaft werden – absolut undenkbar.* Und für die besagte Freundin wiederum wäre es undenkbar, gemeinsam mit ihrem Freund in einer 32qm Großstadt-Wohnung mit Hochbett zu wohnen, einfach weil der Hamburger Wohnungsmarkt so ätzend ist und man in der Wohnung einfach Geld sparen kann.

*Auch mit Freund kann man so denken, das hat eigentlich nichts miteinander zu tun. Ich wollte hier nur einmal die Kontraste erhöhen, um die Gegensätze zu verdeutlichen.

Das witzig an dieser Geschichte ist, dass sie genau das widerspiegelt, worüber ich so gerne mit meiner besten Freundin philosophiere: Die Menschen, die nach dem Abi in dem Ort, wo sie aufgewachsen sind, eine Ausbildung begonnen haben, sechs Jahre später immer noch dort sitzen und vermutlich auch nie gehen werden. Genau die Menschen, die während der Schulzeit immer einen auf weltoffen und reisebegeistert getan haben und jetzt noch nie weiter weg als eine Stunde von ihren Eltern entfernt gewohnt haben. Warum gibt es diese krassen Unterschiede? Und viel wichtiger: wieso lasse ich mich darüber so aus? Aus einem ganz einfachen Grund: die beengte Deckweise, die häufig daraus folgt. Das Unverständnis, auf das man trifft.

Das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen

Jeder sollte das tun, was sich für einen richtig anfühlt. Aber warum muss man sich gerade als “Ausreißer”, immer vor den “zu Hause gebliebenen” rechtfertigen? Warum hat man immer noch das Gefühl, verurteilt zu werden, wenn man für ein Studium wegzieht, weniger häufig als alle anderen die Familie besucht, die Welt bereist oder – Gott bewahre – ein Jahr im Ausland verbring und Träume hat, dort später auch mal zu leben und zu arbeiten? Auf Edition F ist mal ein sehr toller Artikel zu dem Thema veröffentlich wurden, der in vielen Punkten mit meinen Ansichten und Erfahrungen übereinstimmt.

Ich bin nach dem Abi nach England, habe ein Jahr dort gelebt und zwischendurch wirklich ernsthaft überlegt, dort zu bleiben. Dann habe ich aber meine Zusage zum Studium bekommen und bin nach einem kleinen Zwischenstopp bei meinen Eltern nach Hamburg gezogen. Mal abgesehen davon, dass sich in meinem Heimatort kaum einer ernsthaft für mein Jahr im Ausland interessiert hat und nur aus Höflichkeit eine, maximal zwei Fragen dazu gestellt und bei der Antwort kaum zugehört hat, war ich auch froh, endlich in meine eigene Wohnung ziehen zu können und mehr Freiheiten zu haben. Versteht mich nicht falsch, ich liebe meine Eltern und bin gerne bei ihnen. Aber ein Jahr lang zu den Verantwortungsbewussten im Haus zu gehören und eben nicht das Kind zu sein, verändert dich. Da wächst man irgendwie aus dem elterlichen Nest heraus und ist froh, wenn man seine eigenen vier Wände hat. Außerdem war ich es leid, immer den folgenden Satz zu hören: “Ach das ist doch schön, dann bist du endlich wieder mehr [häufiger] zu Hause.” War der Ort, an den ich das gesamte letzten Jahr verbracht hatte, etwa nicht mein zu Hause?

Dadurch, dass ich schon ein Jahr lang daran gewöhnt war, meine Eltern nicht ständig um mich zu haben und auch, weil ich am Wochenende häufig arbeiten musste, bin ich während meines Studiums vielleicht alle vier bis sechs Wochen mal zu meinen Eltern gefahren. “Nach Hause” wie es für viele meiner Kommilitonen hieß. Die auch alle immer entgeistert geschaut haben, dass ich so selten zu meinen Eltern gefahren bin, obwohl ich es wirklich nicht weit hatte. Also ging das Rechtfertigen weiter. Im Heimatort wird man in die Großstadt-Hipster-Schublade gesteckt und dafür verurteilt, dass man selten mal zu Besuch kommt (nicht von meinen Eltern! von anderen Menschen aus dem Ort). Und in der Großstadt wird man verurteilt, dass man versucht eben diese zu seiner Heimat und seinem zu Hause zu machen. Sowas funktioniert nicht, wenn man jedes Wochenende bei den Eltern und den Freunden aus Schulzeiten verbringt. Für mich war es aber unglaublich wichtig, Hamburg zu meinem zu Hause zu machen. Schließlich würde ich hier für einige Jahre wohnen und hier mit recht großer Sicherheit später auch arbeiten. Für mich war es unvorstellbar, die meiste Zeit an einem Ort zu verbringen, der für mich nicht “zu Hause” ist. Also habe ich immer gesagt, dass ich “zu meinen Eltern fahre” wenn ich mal nicht in Hamburg war.

Damals wie heute?

Früher habe ich extrem viel Wert auf die Ausdrucksweise gelegt, sobald es um Begriffe wie “zu Hause” oder “in die Heimat” ging. Habe so manche Diskussion geführt, warum ich denn meine alte Heimat angeblich nicht (mehr) als zu Hause betrachte. Einfach nur, weil für mich “zu Hause” der Ort, die Stadt, die Wohnung war, in der ich lebe. In den letzten Wochen merke ich jedoch selbst, dass ich in München noch nicht wirklich angekommen bin. Für mich ist Hamburg immer noch “bei uns”, die Norddeutschen immer noch “wir”. Bei Unterhaltungen mit Kollegen nehme ich stehts die Rolle der Zugezogenen ein. Auch wenn ich mich etwas fremd fühle, bin ich immer noch von einem Gedanken überzeugt: Wie kann man für sich mit Anfang 20 entscheiden, für immer am selben Ort zu bleiben, ohne herausgefunden zu haben, wie es ist, fernab von zu Hause zu leben? Die letzten zwei Monate haben mir aber auch etwas gezeigt – ich glaube man hat genau eine Heimat. Nicht zwingend der Ort oder die Stadt aus der man kommt. Sondern die Gegend, das Land, die Ecke aus der man ursprünglich stammt. Mit der man Erinnerungen und Gefühle verknüpft. Wo man sich aufgehoben fühlt, egal wie lange man nicht dort war. Zu Hause wiederum kann an vielen Orten sein. Die erste WG in der man viel erlebt hat und wo noch immer gute Freunde wohnen. Das alte Kinderzimmer bei den Eltern. Das neue Haus von den Eltern mit diesem super kuscheligen Sofa und Kamin, in dem man zwar nie gewohnt hat aber das sich trotzdem so vertraut anfühlt. Die Küche bei der besten Freundin, in der man stundenlang sitzen, Kaffee trinken und quatschen kann. Auch dieser ein Punkt in der liebsten Stadt, an dem man sich so aufgehoben und vollkommen fühlt. Oder einfach die eigenen Wohnung am anderen Ende des Landes.

 

>> Momentan schaue ich aus der Küche auf unseren kleinen Balkon, sehe die Sonne und die letzten bunten Blätter an den Bäumen hängen und denke mir: ja, hier fühle ich mich wohl. Das kann mein zu Hause werden. Aber dafür braucht es noch Zeit.

 

 

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