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Let’s talk about… Festivals

written by Miriam 21. August 2017

Dockville – Das vermutlich bekannteste Festival in Hamburg findet gerade statt und ich bin dabei. Naja, im Moment sitze ich um 13 Uhr noch am Frühstückstisch, weil wir gestern etwas zu lange unterwegs waren, aber das wäre jetzt Haarspalterei. Ich war in meinen 22 Jahren bis jetzt nur auf einem Festival und das war das Melt 2016 in Gräfenhainichen. Elektro und Techno sind eben genau mein Ding, da konnte also nichts schief laufen. Außerdem war es nicht so unheimlich voll, was mir sehr gelegen kam. Schliesslich bin ich nicht die Beste in Sachen soziale Interaktionen und ganze Menschenmassen machen mich ziemlich nervös. Da ergreife ich meistens direkt die Flucht. Daher habe ich es bis jetzt so gut es ging vermieden, auf ein Festival zu gehen. Ist einfach nicht so mein Ding, hab ich mir immer gesagt. Doch jetzt hatte ich mir auf den letzten Drücker noch ein Ticket fürs Dockville gesichert, weil ich Moderat einfach sehen musste und habe mich in die Fluten von Menschen und leider auch Regen gestürzt. Hier ist also der Rückblick einer Festivalskeptikerin auf das bisherige Wochenende.

Zuerst einmal stellte sich mir schon Freitagabend die berechtigte Frage, was ich denn anziehen sollte. Für das gesamte Wochenende wurde Regen angesagt. War ja klar. Wir sind ja schliesslich in Hamburg. Gut, aber Gummistiefel besitze ich nicht und meine Regenjacke, noch ein Überbleibsel aus Pfadfinderzeiten, ist jetzt nicht wirklich das, was ich mir unter einem schnieken Festival Look vorgestellt hatte. Na egal, die wurde nach langem hin und her in den Rucksack gepackt und mitgenommen. Ansonsten zog ich meine neu ergatterte und ziemlich zerrissene Boyfriend Jeans, einen grauen Pulli und meine liebsten Tanzschuhe aus dem Outfit Post von letztem Dienstag, die pfirsichfarbenden Reeboks, an. Etwas verspätet ging es dann los Richtung Wilhelmsburg, wo das Gelände des Dockville ist. Unterwegs bin ich dieses Wochenende übrigens mit meinem Mitbewohner und drei seiner Freunde, die ich vorher auch nicht wirklich kannte.

Nach einer halben Stunde Bahnfahrt und einer weiteren halben Stunde zum Platz laufen, waren wir endlich da und quälten uns durch die Bändchenausgabe und die Taschenkontrolle. Ehrlich gesagt lagen meine Nerven zu diesem Zeitpunkt schon blank. So viele grölende Menschen, die schon vor dem ersten Act einen über den Durst getrunken hatten. Außerdem lag ein penetranter Gras Geruch in der Luft. Festival eben, damit hatte ich ja eigentlich gerechnet. Aber die Nacht zuvor hatte ich nicht sonderlich viel geschlafen und vielleicht lag es daran, dass ich schon von vornherein etwas genervt war. Egal, dachte ich mir. Ich gebe dem ganzen eine Chance, schliesslich spielen heute Monolink und SSIO! Kein Grund jetzt Trübsal zu blasen. Ich hatte mich zu früh gefreut, wie ich einige Minuten später feststellen durfte, als wir untereinander die Acts verglichen, die wir gerne sehen wollten. Bei den anderen standen Dinge auf dem Plan wie Von wegen Lisbeth, Die Höchste Eisenbahn oder – da graute es mir am meisten vor – AnnenMayKantereit. Butter bei die Fische. Ich verurteile niemanden für seinen Musikgeschmack, aber andrerseits muss ich auch nicht jede Art von Musik mögen. Und dieses melancholische Gedudel, das mir da bevor stand, machte meinen Traum vom raven bis um 5 Uhr morgens gleich zunichte. Denn zum mitsingen und weinen mögen die Bands ja klasse sein, aber um wirklich zu tanzen? Eher nicht.

„Wir mögen halt diesen Krach nicht.“, ließen die Freunde meines Mitbewohners verlauten. Mit Krach meinten sie Techno. Und wenn sie Techno meinten, dann dachten sie an Scooter… Leider stellte sich später heraus, dass sie auch keinen Rap mögen. Oder Electro. Oder House. Liebe Freunde, ich sah mich schon mein Wochenende mit grölenden Mädels vor den Stages von sogenannten Singer/Songwritern verbringen. Mir wurde übel. Nachdem wir uns irgendeine furchtbar langweilige Band vom Rand der Main Stage aus angeschaut hatten (unnötig zu sagen, dass keiner meiner Begleiter auch nur den kleinen Finger im Takt bewegte), gab es den ersten Lichtblick. LaBrassBanda kamen auf die Bühne. Das sind ein paar ziemlich witzige Jungs aus Bayern, die mit Blasinstrumenten alle Arten von Musik covern. Und die haben richtig Stimmung in die Bude gebracht! So komisch sich die Idee von Blechbläsern auf einer Festivalbühne auch anhören mag, es funktioniert. Nachdem wir ein bisschen getanzt hatten (anscheinend konnte sich mein Anhang doch ganz gut bewegen. Okay, bis auf einen, der hat einfach immer nur herum gestanden) gab es erstmal lecker Fish and Chips für mich. Nachdem die Bäuche gefüllt waren, fand sich allerdings das erste Problem. SSIO sollte in einer halben Stunde auf der Hauptbühne spielen, aber das wollte sich ja eigentlich niemand anschauen. Doch ich fand einen unerwarteten Mitstreiter: meinen Mitbewohner, der eigentlich nur für diesen Act eine Karte gekauft hatte, setzte sich mit mir kurzer Hand von dem Rest der Gruppe ab, sagte „Wir schreiben einfach später“, und marschierte in die Menge. Ein bisschen Baff, aber glücklich, folgte ich auf den die mittlerweile ziemlich matschigen Dancefloor. Kurz: SSIO war eine Offenbarung. Der Typ ist live einfach unglaublich gut und mich hat es irgendwann auch nicht mehr gestört, dass ich literweise Wasser in den Schuhen hatte und sie mittlerweile komplett mit Matsch überzogen waren. Nach diesem Act konnte nichts mehr meine Stimmung brechen, dachte ich. Falsch gedacht. Nachdem ich mir ganz brav Von wegen Lisbeth angeschaut hatte, wozu man nur vom einen auf den anderen Fuß wippen kann, war mir unglaublich kalt, denn meine Füße waren klitschnass. Trotzdem raffte ich mich auf, ging rüber zu Monolink, der mir ehrlich gesagt den ganzen Tag gerettet hat. Ich tanzte mir die Seele aus dem Leib und dabei war es mir auch völlig egal, dass der Rest der Gruppe skeptisch daneben stand und meine Begeisterung für diesen Krach nicht teilen konnten. Danach ging es für uns dann nach Hause, wo ich sofort ins Bett fiel und einschlief.

Samstag. Wir machten uns erst gegen 17 Uhr auf zum Festivalgelände, weil die ersten Acts, die wir sehen wollten, gegen 19 Uhr anfingen. Schlau wie ich war, habe ich mir vorher noch fix ein paar Gummistiefel gekauft, denn meine Reeboks konnte ich definitiv nicht noch einen Tag tragen. Was soll ich sagen? Ich kann mich an gestern kaum noch erinnern. Wir haben sehr viel getanzt und ich konnte sogar die zwei Mädels unserer Gruppe für die Elektroband Sofi Tukker begeistern. Alles in allem war der Tag gruppendynamisch gesehen besser als der Freitag. Wir hatten uns schon etwas beschnuppert und kamen daher besser miteinander aus. Die anderen hatten akzeptiert, dass sie mich nicht für Sing Sang begeistern konnten und ich hatte mich damit abgefunden, mir Moderat am Abend alleine anzuschauen. Doch das stimmte am Ende gar nicht. Mein Mitbewohner, der eh keine der Bands auf dem Festival kannte, erklärte sich dazu bereit, mit mir mitzugehen, damit ich nicht allein in die Menge musste. Ich sagte ihm von vornherein, dass das definitiv nicht seine Art von Musik sein würde, aber er ging trotzdem mit. Während ich also ein Stunde auf Wolke Sieben mit den Jungs auf der Bühne schwebte, war mein Mitbewohner doch meist skeptisch, aber er ließ es sich nicht anmerken. Nach dem Act schwebte ich in Richtung des Treffpunkts, den wir mit den anderen drein ausgemacht hatten, so glücklich war ich. Nach einer kurzen Sitzpause, ging es für uns alle weiter zu der sogenannten Depri Disko. Ich war sehr skeptisch, denn eigentlich finde ich es ganz und gar nicht witzig, wenn das Wort depressiv in so einem Kontext benutzt wird. Denn die Songs die dort liefen, die allesamt von gebrochenen Herzen handelten und trotzdem einen flotten Beat hatten, hatten rein gar nichts mit dem Thema Depressionen zu tun. Egal, ich hatte trotzdem viel Spaß und konnte jeden zweiten Song auswendig mitsingen. In dieser Nacht waren wir erst um 4 Uhr morgens zu Hause.

Und damit wären wir am Sonntag angekommen. Eigentlich wollen wir gleich los, doch ich muss einfach noch schnell mein bisheriges Fazit ziehen. Und was soll ich sagen? Ich bin bekehrt worden! Ich frage mich nach den letzten zwei Tagen, warum ich nicht öfter auf Festivals unterwegs bin, wenn sie mir so eine Freude bereiten. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß wie dieses Wochenende. Auch, wenn es für unsere Gruppe einen holprigen Start gab, haben wir uns doch zusammen gerauft und am Ende das Dockville gemeinsam genießen können. Es war einfach eine tolle Möglichkeit, auch mal neue Bands und DJs zu entdecken, die man sonst vielleicht eher nicht zu hören bekommen hätte. Außerdem macht es unheimlich Spaß einfach nur herum zu sitzen und die kreativen und manchmal auch etwas bizarren Outfits der anderen Besucher anzuschauen. Ich kann also guten Gewissens sagen, dass ich nächstes Jahr definitiv auf mehr als nur ein Festival gehen werde.

Miriam

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