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Let’s talk about… binge watching

written by Anni 16. Juli 2017

Ja. Ich bekenne mich schuldig. Im wahrsten Sinne der Anklage. Ich gehöre zu den gefühlten 95% der Bevölkerung, die nicht aufhören können. Und ich rede hier nicht von der angebrochenen Tüte Chips. Da kann ich jederzeit aufhören.

Binge Watching: ein Phänomen der Neuzeit, aufgetreten durch die Erfindung von Netflix, Amazon Instant Video und Co. Maßloses und stundenlanges Schauen von Serien ist eine Art Trend geworden, der allein Dank der eben genannten Video-on-demand-Anbieter existiert. Ja, auch ich habe einige vollständige Serien auf DVD und Blue-ray zu Hause in meinem Regal stehen. Doch da muss man mindestens nach jeder dritten oder vierten Folge aufstehen, um die CD zu wechseln. Bei Netflix muss ich nur ab und zu dieses nervige ‘Bist du noch da?’-Fenster weg klicken. Convienent. Meine Hand greift wieder in die Chipstüte.

Zwei bis drei Folgen der Lieblingsserie am Abend sind etwas völlig normales – vor allem nach einem anstrengenden Arbeitstag. Mache ich ständig. Wenn man dann allerdings gerade an einer Serie wie Blacklist hängt, werden aus zwei drei Folgen ganz schnell mal fünf oder sechs. So wird aus einem Abend auch ganz schnell mal ein ganzes Wochenende, dass man in der schönen, spannenden Serien-Welt verbringt (ich habe die vierte Staffel Blacklist aktuell vor drei Tagen beendet – nachdem ich vor sieben Tagen angefangen hatte. Die vierte Staffel hat 22 Folgen mit jeweils um die 45 Minuten Spielzeit. Oops.). Kein Problem im normalen Arbeitsalltag. Ein ganz schön großes Problem, wenn man gerade in einer Prüfungsphase des Studiums ist. Oder sich eine neue Wohnung suchen muss. Oder einen neuen Job. Dann wird aus dem ganzen Luxus-Lifestyle ein typisches Prokrastinations-Problem. Schuldig greife ich erneute in die Chipstüte.

Weil im Netz alles zu jeder Zeit verfügbar ist, müssen wir uns nicht mehr jeden Montag Abend verzweifelt bis 22.45 Uhr wach halten, um die neueste Folge Castle in Fernsehen zu sehen. Obwohl morgens der Wecker um 5.30 Uhr geklingelt hat, wir schon arbeiten und danach in der Uni waren, den Haushalt geschmissen haben und eigentlich nur noch schlafen wollten. Ich bin übrigens meistens vorher eingeschlafen. Ärgerlich.

Aber dieses Problem haben wir ja zum Glück nicht mehr. Wir zahlen brav unsere 10 Euro im Monat und erfreuen uns an der nahezu grenzenlosen Welt von Netflix und Co. Zumindest diejenigen von uns, die nicht mehr damit leben können/wollen, dauerhaft Werbe- und Spam-Pop-Ups weg klicken zu müssen, während sie auf dubiosen halb-(il-)legalen Websites ihre Lieblingsserie streamen, weil sie nirgendwo anders zu finden ist. Oder eine tiefe, innere Sucht befriedigt werden muss. Oder die Chipstüte so verlockend aussieht, wir uns aber schlecht fühlen, wenn wir sie einfach so in uns reinstopfen würden. Meine knistert wieder verdächtig, als mein Hand hineingreift.

Allerdings muss ich jetzt wieder stark sein. Der ganzen Luxus, in dem ich seit Monaten schwelge, bringt mir ab morgen mal wieder nichts mehr. Morgen beginnt die siebte Staffel Game of Thrones. Lange und noch viel länger habe ich drauf gewartet. Drauf hin gefiebert. Mich beinahe danach verzehrt. Nicht nur, weil ich endlich wissen möchte wie es weitergeht. Oder welche Fan-Theorien zutreffen. Ist ja nicht so, als hätte ich während des vergangenen Jahres unsagbar viele Stunden damit verbracht, mir Analysen, Theorien und Fakten wieder und wieder auf YouTube reinzuziehen. Content findet man auch, wenn man gerade keine neue Folgen bekommt. Wonach ich mich auch sehne, ist die soziale Interaktion, die auf eine neue Folge Game of Thrones folgt. Theorien spinnen, Freunde nerven, Links zu Ideen anderer verschicken, sich austauschen und Details nachlesen, die man selbst verpasst hat. Der soziale Aspekt, der bei neuen Folgen, die nur einmal in der Woche ausgestrahlt werden, fällt beim binge watching doch total hinten weg! Er macht das Warten bis zur nächsten Woche auch viel erträglicher. Viel schwerer natürlich auch, man wird eben dauerhaft angestachelt. Aber es ist wie ein spannendes Abenteuer. Ein bisschen wie Urlaub vom Alltag.

Ich weiß nicht, wie ihr darüber denkt, aber für mich ist binge watching ähnlich wie das Lesen eines guten Buches. Früher habe ich stundenlang gelesen und mich in der fiktiven Welt zwischen den Seiten verloren. Ob einige Stunden, ganze Nächte oder ein ganzes Wochenende: wenn die Story mich fesselt, kann ich nicht aufhören. Das ist bei Serien nicht anders. Allerdings bin ich auch einer der wenigen Menschen, die ehrlich zu sich selbst sind und sich nicht in Serien verlieren, die sie eigentlich gar nicht interessieren. Da greife ich dann lieber zu dem Buch, dass auf meinem Nachttisch liegt und klappe den Laptop mal zu.

Ich bin gespannt, was die nächsten Wochen und sieben neue Folgen Game of Thrones bringen. Sicherlich viele What-the-fuck-Momente, ungewollte Tode, Verrat und Verderben. Ungeduldiges Warten bis zur nächsten Folge. Ich werde unzufrieden sein, ausrasten, weinen und verzweifeln. Aber ein bisschen Drama im Leben tut irgendwie auch gut. Vor allem, wenn ich es mit meinen liebsten Freunden teilen und mich mit ihnen zusammen über alles auslassen kann. Mist, meine Chips sind jetzt doch leer. Ich schwöre es, normalerweise passiert mir das nicht!

 

P.S.: Mir ist durchaus bewusst, dass ich einfach noch ein paar Wochen warten könnte, um dann alle Folgen an einem Stück gucken könnte. Aber nein. Einfach nur nein. Das geht nicht.

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