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Mental Health Monday #1 – Was bisher geschah

written by Miriam 27. Juni 2017

Willkommen zur ersten Ausgabe des hoffentlich bald regelmäßig wiederkehrenden Formats Mental Health Monday. Worum es hier gehen wird? Wie der Titel schon vermuten lässt: Um das psychische Wohlergehen. Okay, auf Deutsch klingt es sehr hoch gestochen. Aber es handelt sich hier einfach um ein Thema, das mir persönlich sehr am Herzen liegt und über das leider viel zu wenig geschrieben, geredet oder diskutiert wird. Psychische Erkrankungen werden in der Gesellschaft am liebsten ignoriert und totgeschwiegen. Dem möchte ich nun endlich ein Ende machen! Doch bevor ich nun den Moralapostel spiele, sollte ich vielleicht etwas zu meinen eigenen Erfahrungen mit der Materie sagen.

Seitdem ich ungefähr 12 oder 13 Jahre alt war, wusste ich, dass irgendwas nicht so ist wie bei den anderen Heranwachsenden in meinem Alter. Ich hatte unheimliche Angst vor anderen Menschen und deren Bild von mir. Und damit meine ich nicht die normalen Selbstzweifel eines Teenagers. Der Gedanke daran negativ aufzufallen, beherrschte mich. Deshalb fing ich langsam aber sicher an, mich aus allen Dingen zurück zu ziehen, die mir eigentlich viel Spaß gemacht haben. Ich ging nicht mehr zum Reiten, hörte auf mit der Leichtathletik und später ging ich auch kaum auf Parties. Irgendwann mit 16 oder 17 ging ich dann auch kaum noch in die Schule. Zum Glück war ich nicht auf den Kopf gefallen und konnte meine Noten durch gute Klausuren halbwegs im oberen Bereich halten. Somit verbrachte ich die meiste Zeit meiner Oberstufe, in der man eigentlich feiern und sich ausprobieren sollte, mit zugezogenen Gardinen im Bett. In dieser Zeit merkten auch meine Eltern, dass irgendetwas nicht stimmte. Allerdings drängten sie mich nie zu einer Therapie und warteten, bis ich das Thema selbst ansprach. Also fing ich bereits mit 16 Jahren eine Psychotherapie an. Diagnose: Eine soziale Phobie mit daraus resultierender Depression. Wow, dachte ich damals, ich habe also Angst vor Menschen. Damals machte ich mich selbst noch über das Thema lustig und war mir sicher, dass ich mich einfach nur anstellte, wie es mir von meinen Mitmenschen immer gesagt wurde.

Dank der Therapie und meiner unglaublich tollen Psychologin ging es mir langsam besser. Mit 17 verbrachte ich dann sechs Wochen in einer psychosomatischen Klinik, die mir ebenfalls sehr geholfen hat und eigentlich den Weg freimachen sollte, um eigenständig mit der Krankheit umgehen zu können. Der erste Monat nach dem Klinikaufenthalt war wohl auch der beste meines Lebens. Ich fühlte mich gestärkt und zuversichtlich, besser mit depressiven Episoden oder meinen sozialen Ängsten umgehen zu könne. Und dann wurde bei meiner Mutter Krebs diagnostiziert. Keine Chance auf Heilung. Sie starb nur sechs Monate später und mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen. Meine Mutter war immer mein größtes Vorbild. Sie war stark, unabhängig und unheimlich intelligent. Ich versuchte dem Schmerz zu entfliehen, denn Verdrängung hatte schon immer gut funktioniert.

Ich zog für mein erstes Studium nach Erfurt, doch brach es nach nur einem Semester ab, weil ich in ein Loch fiel, dass so viel tiefer war, als alles, was ich zuvor erlebt hatte. Ich konnte nicht zur Uni und schon gar nicht das Haus verlassen. Es ging für ein halbes Jahr zurück in die Heimat. Dann beschloss ich ein Jahr in Frankreich als Au Pair zu verbringen, denn ich hatte immer noch keinen blassen Schimmer, was ich eigentlich mit meinem Lebe anstellen wollte. Auch hier hatte ich ständig mit unglaublicher Angst vor meiner Gastmutter, als auch der verrückten Nachbarin zu kämpfen. Aber dieses Jahr in Paris war das erste Jahr seit langem, in dem ich keine sogenannte Winterdepression durchleben musste.

Spulen wir knapp zwei Jahre vor, zum heutigen Zeitpunkt. Nun lebe ich seit zwei Jahren in Hamburg und habe vor knapp drei Monaten mein zweites Studium abgebrochen. Warum? Weil ich zu viel Angst vor meinen Kommilitonen und Professoren hatte und ich kaum zur Uni gegangen bin. Ich habe durch diese Angst so gut wie alle meine neu gewonnenen Freunde in Hamburg verloren und zog mich wie gewohnt zurück in mein Schneckenhaus. Trotzdem wollte ich mich nicht ganz geschlagen geben und seit über einem Jahr bin ich nun auch wieder in Therapie. Zwar helfen mir die wöchentlichen Sitzungen sehr, doch ich hatte irgendwie das Gefühl, nicht wirklich voran zu kommen, denn immer wieder hatte ich mit depressiven Episoden zu kämpfen, dank denen ich mich in meinem Zimmer verschanzte, viel zu viel schlief, nichts aß und nur irgendwelche Serien auf Netflix schaute.

Vor circa drei oder vier Monaten hatte ich dann den Tiefpunkt meines Lebens erreicht. Ich wollte nur noch, dass dieser unglaubliche Schmerz, den ich einfach nicht erklären konnte, endlich aufhört. Ohne Perspektive für die Zukunft, ohne viele Freunde in der Stadt und ohne den Halt der Familie dachte ich ernsthaft darüber nach dem ganzen einfach ein Ende zu setzten. Suizid als einzigen Ausweg aus dieser so schmerzhaften Situation. Schlimmer konnte es schließlich nicht werden. Ich hasste mich so sehr dafür, so zu sein wie ich nun mal war, dass ich es einfach nicht mehr ertragen wollte und konnte. Doch genau an diesem Punkt in einer Samstagnacht, die ich heulend im Bett verbrachte, verstand ich endlich, dass sich etwas ändern muss. Und zwar drastisch. Doch dieser Erkenntnis möchte ich gerne einen eigenen Post an einem späteren Mental Health Monday widmen.

So, das wäre die sehr sehr kurz zusammengefasste Geschichte meines Lebens mit einer psychischen Krankheit. Wirklich sehr knapp. Ich könnte vermutlich ein Buch mit den Details und Auf und Abs füllen, doch darum geht es hier nicht. Doch worum geht es dann? Warum erzähle ich das überhaupt alles auf einem öffentlichen Blog? Ganz einfach: Weil ich weiß, dass es vielen anderen Menschen genauso geht wie mir. Und dass diese Menschen vermutlich wie ich früher denken, dass sie ganz alleine sind mit diesen Problemen. Denn über Depressionen, Ängste etc. spricht man nicht in unserer Gesellschaft. Sie sind immer noch verpönt und werden meistens nur belächelt. „Dann steh doch einfach auf und fang an etwas zu ändern!“. Wenn ich einen Euro bekommen würde für jedes Mal, wenn dies jemand zu mir gesagt hat. Doch so einfach ist es leider nicht.

Ich möchte dieses Format dazu nutzen um meine eigene Erfahrungen mit psychischen Krankheiten zu teilen und so vielleicht anderen Menschen zu helfen, denen es genauso geht wie mir. Wie sehr hätte ich mir als Jugendliche gewünscht zu wissen, dass ich nicht alleine bin mit meinen Problemen. Dass ich nicht selbst an allem schuld bin und ich schon gar nicht „einfach meine Einstellung“ ändern sollte, damit es mir besser geht. Aber ebenfalls möchte ich Leuten, die sich nicht mit diesen Problemen auseinandersetzen, verständlich machen, dass so viel mehr hinter dem ganzen steckt, als „nur traurig sein“. Ich möchte mehr Licht auf dieses abstrakte Thema der psychischen Erkrankungen werfen und zeigen, dass dieses Thema genauso wichtig ist in der heutigen Gesellschaft wie alle anderen Krankheiten. Kurz gesagt: Ich möchte vermitteln, dass sich niemand schämen muss, nur weil er in Therapie ist und mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen hat.

Um ehrlich zu sein, war es nicht so einfach diesen Text zu schreiben, wie ich es erwartet habe. Es gibt einfach so viel, was ich zu dem Thema zu sagen habe und dies soll eigentlich nur eine Einführung in die Materie geben. In kommenden Posts werde ich mich dann gezielter mit einzelnen Themen und Problemen auseinandersetzen, die mich in meinem Alltag beschäftigen. Und ich hoffe sehr, dass dieses Format bei euch Anklang findet, denn es liegt mir sehr am Herzen.

Miriam

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