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Let’s talk about… Loslassen

written by Miriam 18. Juni 2017

Seit meine Haare so lang und voluminös sind, brauche ich eigentlich immer irgendein Haargummi, um sie zu zähmen. Egal ob Dutt, Zöpfe oder ein einfacher Pferdeschwanz. Ohne meinen treuen Freund, der trotz des windigen Hamburger Wetters mein Haar im Zaum hält, wäre ich verloren. Und ja, ein Freund. Singular. Ich besitze genau ein Haarband und das seit bestimmt drei Jahren. Fragt nicht warum, aber seit meine Freundin Eva und ich etwa dreizehn waren, haben wir uns die Haargummis unserer liebsten Kumpeline Leonie geklaut. Die waren einfach immer die besten. Und das ist bis heute so. Und so kam es, dass vor ich vor zwei Jahren mal wieder auf Heimaturlaub war und auf irgendeiner Party ein solches Haargummi von ihr ergaunern konnte. Und es steht mir bis heute treu zur Seite.

Naja, so ganz stimmt das leider nicht. Die Zeit hat ihre Spuren an meinem Freund hinterlassen. Es ist ziemlich ausgeleiert und einen Dutt kann es schon seit Monaten nicht mehr ohne die tatkräftige Hilfe von Bobbypins halten. Seit einigen Wochen will es nun auch den Zopf nicht mehr richtig stützen und so Ende ich meistens mit einem Low Ponytail. Ist zwar modern, aber nicht so mein Fall. „Kauf dir doch einfach einen neuen Pack im DM für ein paar Cent!“ höre ich meine Freundinnen genervt sagen, wenn ich mir zum hundertsten Mal in einer Stunde den Pferdeschwanz zurecht rücke. Und eigentlich haben sie recht. Ich könnte mir viel Stress und Ärger ersparen, wenn ich einfach in neue Haargummis investieren würde. Aber das mit dem Loslassen ist eben so eine Sache… Schließlich hatten wir doch so gute Zeiten! Wir waren gemeinsam auf Festivals, haben Bali erkundet und heiße Sommernächte im Dachgeschoss überstanden. Wie könnte ich solche Erinnerungen einfach wegwerfen?

Wie ihr vielleicht gemerkt habt, soll die tragische Beziehung zwischen meinem treuen Haargummi und mir nur eine Metapher für das sein, um das es in diesem Post gehen soll. Und das ist das Loslassen. Ich bin ehrlich: Loslassen war für mich immer schrecklich! Abgesehen von meiner ständig wechselnden Haarfarbe oder dem halbjährlichen Ausmisten meines Kleiderschranks, lasse ich eigentlich nichts gerne gehen. Manche Dinge sind verständlich, wie zum Beispiel die Anwaltsrobe meiner Mutter, die ich zwar nie selbst tragen werde, aber die mich mir einfach zu viel bedeutet, als sie wegzugeben. Leider ist dieses Erinnerungsstück nur eins von vielen Teilen, die auf dem Dachboden meines Vaters in circa achtKartons liegen und die ich seit bestimmt einem Jahr nicht mehr angerührt habe. Man möge beachten: Ich wohne seit gut zwei Jahren in Hamburg und somit mehr als vier Stunden entfernt von meiner Heimatstadt. Somit kann ich nicht „mal eben was aus den Kisten“ holen gehen.

Aber warum fällt es mir so schwer, mich von 300 Büchern, dem Abiballkleid oder Kuscheltieren zu trennen? Ganz eindeutig sind sie nicht essenziell für mein Wohlbefinden, wenn sie in einem Karton vor sich hin stauben können, oder? Warum also nicht alles an öffentliche Bibliotheken, die Wohlfahrt oder Kinderheime spenden?

Mein Abiballkleid zum Beispiel, das mich eigentlich an den Abend erinnern soll, an dem ich endlich den ganzen Idioten meiner Schule „Auf Wiedersehen!“ sagen konnte. Leider zeigt es mir aber auch immer wieder, dass ich all die Träume, die ich vor vier Jahren hatte, nicht verwirklichen konnte/wollte oder was auch immer. Und das spornt mich nach dem nun zweiten abgebrochenen Studium nicht gerade an, etwas Neues anzufangen. Wieso also daran festhalten, wenn die Erinnerungen eher negativer als positiver Natur sind?
Ein anderes Beispiel: Vor ein paar Tagen habe ich den ersten Post zu Single as Fuck geschrieben und hier auf dem Blog veröffentlicht. Alles, was ich dort zum Thema Erste Hilfe nach der Trennung geschrieben habe, war mein voller Ernst und hat mir selbst unheimlich geholfen, um unmittelbar nach dem Ereignis wieder auf die Beine zu kommen. Doch so ganz über den Berg bin ich leider noch nicht. Denn in meiner Schublade schlummert noch immer die CD seiner alten Band, die ich als Scherz von seinem Onkel zu Weihnachten bekommen habe. Auch das Malbuch, was er mir geschenkt hat, damit ich mich ablenken kann, wenn ich mal wieder mit meiner sozialen Angst zu kämpfen habe, liegt neben mir und starrt mich an. Es ist Schluss und das seit zwei Monaten. Seitdem haben wir nicht mehr miteinander gesprochen, also warum klammere ich mich so an die Dinge? Was erhoffe ich mir von einer CD und einem Buch? Dass sie die Zeit zurückdrehen und wir glücklich bis an unser Lebensende leben können?

Wenn man das so liest, könnte man denken, ich bin masochistisch veranlagt. Glaubt mir, das ist nicht der Fall. Witziger Weise habe ich erst vor einem Monat mit einer Freundin darüber geredet, dass sie immer noch die Jogginghose eines Typen hat, der ihr ziemlich fies das Herz gebrochen hatte. Ich scheine also nicht die Einzige mit einem solchen „Problemchen“ zu sein. Aber im ersten Moment war ich einfach nur entsetzt! Wie kann man nur eine Erinnerung an so jemanden behalten wollen? Nach einigen schlaflosen Nächten habe ich für mich eine befriedigende Antwort finden können: Weil wir manchmal in Kauf nehmen, dass es weh tut, wenn es gelegentlich auch gut tut. Okay, das ist etwas sehr abstrakt formuliert. Bespiel A: Ich muss zwar damit leben, dass fast jedes Mal, wenn ich die Schublade mit der CD öffne, mein Herz einen kleinen Stich bekommt, aber in einem aus zehn Fällen kommt mir auch eine schöne Erinnerung. Wie er mich mit dummen Witzen zum Lachen gebracht hat. Oder wie er bei jedem Schritt ein bisschen zu sehr gefedert hat, was einfach unheimlich liebenswürdig aussah. Seht ihr? Schön dumm, den Schmerz für eine minimale Chance eine einen kleinen Glücksmoment hinzunehmen, wenn ihr mich fragt. Und selbst diese Erinnerungen führen meistens zu mehr Schmerz.

„Aber Miriam!“, höre ich die Leute hinten auf den billigen Plätzen schreien, „nicht jeder hat nur schlechte Erinnerungen, die er mit einem Buch, Kleidungsstück, etc. verbindet!“. „Ja zum Glück!“ rufe ich dann zurück. Was wäre das für eine Welt, in der wir uns nur an das Schlimme und nie an das Schöne erinnern würden! Der Clou ist nur, dass wir Menschen einen interessanten Mechanismus verwenden, wenn es um Erinnerungen geht. Während wir unglaublich Angst davor haben, die schönen Momente zu vergessen, wollen wir uns am liebsten nie wieder an die schrecklichen zurück erinnern. Und deshalb speichern wir die Schlechten in einem Teil unseres Gedächtnisses ab, das meistens ohne einen Trigger nicht abzurufen ist. Wie meine CD in der Schublade zum Beispiel. Ich habe einen guten Tag, will Klebeband aus der Schublade holen und schwups! Ich erinnere mich an unser letztes Telefonat.

Auf der anderen Seite sind uns die glücklichen Erinnerungen immer zugänglich, denn wir wollen sie uns wieder ins Gedächtnis rufen können. Wir brauchen nicht unbedingt einen Gegenstand wie die Anwaltsrobe meiner Mutter. Ich kann mich auch ohne dieses Stück daran erinnern, dass sie eine tolle, manche mögen sogar sagen badass, Anwältin war. Das ist eine schöne Erinnerung, die ich immer wieder gerne abrufe, wenn ich sie mal wieder vermisse. Wiederum kann ich mich kaum noch an die letzten Tage mit ihr im Krankenhaus erinnern, solange ich kein solches betrete.

Und deshalb sollte uns die Angst vorm Loslassen eigentlich egal sein. Man verliert keine Erinnerungen an die guten Momente. Und man sollte sich zwar mit seinem Schmerz auseinander setzen und ihn nicht verdrängen, aber ständig durch etwas an ihn erinnert zu werden, hilft dem Heilungsprozess auch nicht wirklich. Ich plädiere also für regelmäßiges Ausmisten des Kleiderschranks und der verstaubten Kisten auf dem Dachboden. Vielen anderen Menschen können diese Dinge nämlich genauso viel Freude bringen, wie sie es für uns getan haben.

Ich für meinen Teil fahre in einer Woche nach Hause, werde mir diesmal vielleicht sogar zwei neue Haargummis von Leo klauen und mein Abiballkleid online verkaufen. Und in meinem Gepäck wird sich die CD aus meiner Schublade finden, die ich zwar nicht wegwerfen kann, aber erstmal auf dem Dachboden lagern werde. Falls ich also mal wieder Klebeband brauche, erlebe ich keine bösen Überraschungen.

Miriam

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