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Mental Health Monday #3 – Alles auf Anfang

written by Miriam 20. November 2017

Danielle MacInnes

Vor einigen Monaten habe ich in meiner Single as Fuck Kolumne über meine damalige Trennung und einige erste Hilfe Tipps zum Thema geschrieben, die meiner Meinung nach Balsam für die Seele sein können. Und nun, über ein halbes Jahr später, stehe ich wieder hier und habe die nächste ziemlich unerwartete Trennung hinter mir. Doch diesmal ist irgendwie alles ganz anders. Vielleicht habe ich auch einfach noch nicht realisiert, dass ein sehr wichtiger Part meines Lebens jetzt erstmal nicht wie vorher existieren wird. Denn: Meine Therapeutin ist vor einer Woche aus Hamburg weggezogen.

Aus heiterem Himmel

Wie die meisten Menschen, die verlassen werden, traf auch mich diese Trennung völlig unvorbereitet. Vor drei Wochen hetzte ich wie jeden Mittwoch zu spät über den Jungfernstieg Richtung der Praxis meiner Therapeutin. Dort angekommen schnaufte ich wie verrückt und plumpste im Wartezimmer auf den nächstgelegenen Stuhl. Eigentlich hatte ich absagen wollen für diesen Tag, da bereits im Voraus ein Ikeabesuch geplant war und dieser immer viele Nerven und vor allem Zeit kostet. Nun war ich aber da und wartete darauf, dass mich meine Therapeutin zu unserer Sitzung abholen kam. Dies tat sie auch wenige Minuten später und führte mich in den gewohnten Raum mit dem großen Balkon und den bequemen roten Sesseln.

„Frau Woelke, wir müssen reden.“ Ich verschluckte mich fast an meinem Wasser, als dieser Satz aus ihrem Mund kam. Denn noch nie in meinem Leben folgte auf diese Aussage ein angenehmes Gespräch. Leicht verkrampft und stumm nickend hörte ich mir an, was sie zu sagen hatte. Ihre Lebensumstände hätten sich spontan verändert und deshalb müsse sie aus Hamburg wegziehen. Und zwar bereits in zwei Wochen. Es täte ihr unendlich Leid, dass sie mich nun auf eine gewisse Art alleine lassen müsse, aber sie hätte keine Wahl. An den Rest der Sitzung kann ich mich ehrlich gesagt kaum noch erinnern, denn das Einzige was mir im Kopf herum schwirrte war: Jetzt ist alles wieder auf Anfang.

Die Sache mit dem Vertrauen

Vor gut eineinhalb Jahren hatte ich die erste Sitzung bei meiner Therapeutin. Wie ich bereits in meinem Artikel „Meine Freindin die Therapeutin“ geschrieben habe, war ich mir am Anfang ziemlich sicher, dass ich überhaupt keine Therapie bräuchte und mein Leben schon allein in den Griff bekommen könnte. Heute kann ich rückblickend sagen, dass ich mich selbst ziemlich über- und meine Problem unterschätzt habe. Seit dem Anfang der wöchentlichen Gespräche hat sich in mir sehr viel zum Besseren gewandelt. Und trotzdem weiß ich, dass ich erst halb da bin, wo ich eigentlich hin möchte. Deshalb war ich auch sehr dankbar, als mir die Krankenkasse vor zwei Monaten ein weiteres Jahr Therapie bewilligt hatte. Allerdings dachte ich natürlich, dass ich diese bei meiner bekannten Therapeutin verbringen würde und wir an das bereits erarbeitete anknüpfen könnten. Wie sich nun herausstellt muss ich mit jemandem neues wieder ganz von vorne anfangen. Toll.

Am Anfang tat ich mich wirklich schwer damit, über meine Gefühle zu reden. Emotionen waren in meinem Leben immer schon einfach nur hinderlich und ziemlich unerwünscht. Obwohl ich dieses Bild nie von meinen Eltern vermittelt bekommen habe, fing ich irgendwann an meine Gefühle und Gedanken einfach für mich zu behalten oder am besten zu ignorieren. So konnte mir nichts und niemand weh tun. Meine Therapeutin stand also anfangs vor der schwierigen Aufgabe, meine vielen Zwiebelschichten von Sarkasmus und Zynismus langsam herunter zu ziehen, um hoffentlich irgendwann an meinen emotionalen Kern zu gelangen. Und zu meinem eigenen Verblüffen hat sie dies nach 10 Monaten in der Tat geschafft. Genau kann ich es auch nicht beschreiben doch sie schaffte es aus den wöchentlichen Treffen eine sichere Blase für mich zu schaffen, in der ich über alles reden konnte. Sogar über Dinge, die ich früher keiner Menschenseele erzählt hätte.

Schnell merkte ich, dass dieses emotionale Öffnen nicht, wie immer von mir angenommen, eine Qual sondern eine Wohltat war. Mir fiel auf, dass ich auch in meinem Alltag immer offener über meine Gefühle reden konnte und das sogar fast ganz ohne Sarkasmus. Das war vorher noch nie passiert. Irgendwie hatte es meine Therapeutin also geschafft, dass ich das Vertrauen, was ich ihr gegenüber aufgebaut hatte, auch an andere Leute, die mir nahestehen, weiter geben konnte. Und spätestens als ich das bemerkt habe wusste ich, dass ich bei ihr richtig aufgehoben war.

Wieder auf null

Jetzt stehe ich vor dem großen Problem, dass ich mit einem neuen Therapeuten / einer neuen Therapeutin wieder ganz von vorne anfangen muss. Und ich möchte nicht lügen: Das macht mir ziemliche Angst. Mal ganz abgesehen davon, dass ich jetzt bis mindestens März oder April ganz ohne Therapie auskommen muss. Zwar hat mir meine Therapeutin eine Liste zusammen gestellt mit anderen Therapeuten/innen, aber auch da beträgt die Wartezeit einige Monate. Normalerweise wartet man hier in Hamburg mindestens ein Jahr lang auf einen Therpieplatz. Oder wie mir meine Freundin Bibi letztens erzählte, schafft man es in Berlin sogar auf ganze drei Jahre Wartezeit. Absolut utopisch wenn ihr mich fragt. Schließlich braucht man nicht erst in einem oder drei Jahren Hilfe mit seinen Problemen, sondern so schnell wie möglich. Aber darüber werde ich ein anderes Mal einen kleinen Rage-Post verfassen.

Wie es jetzt die nächsten Monate so ganz ohne therapeutischen Ansprechpartner für mich weiter gehen wird, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Ich bin eigentlich guter Dinge, da ich mir langsam aber sicher in ein Auffangnetz aus tollen Freunden hier in Hamburg knüpfen konnte. Und dafür bin ich in der momentanen Situation dankbarer denn je. Mitte Ende Januar geht es für mich dann für circa 6 Wochen in eine Tagesklinik hier in Hamburg, um einmal ganz intensiv an meinen Problemen arbeiten zu können. Aber auch dafür habe ich einen separaten Post geplant. Für jetzt bleibt mir einfach nur, stark zu bleiben. Und in schwachen Momenten habe ich immer noch die kleine Murmel in meinem Portmonee, die mir meine Therapeutin als Abschiedsgeschenk gegeben hat. Damit ich immer an unsere gemeinsame Zeit denken kann. Und dank einer kleinen Murmel ist die Trennung auf einmal gar nicht mehr so schlimm. Denn ich bin dankbar für die eineinhalb Jahre, die ich mit meiner Therapeutin hatte.

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2 comments

Melanie 21. November 2017 at 10:35

Ja, das kenne ich. Ich war auch schon in einigen Tageskliniken für 12 Wochen und mehr, oder auch bei sehr vielen Therapeuten. Aber von jedem lernt man etwas und kann etwas Positives daraus ziehen. das letzte Mal war ich letztes Jahr im Sommer in einer Tagesklinik und habe keinen Therapeuten für den Anschluss gefunden und bin seit dem ohne Therapie. Aber ich komme sehr gut klar, weil ich das anwenden kann, was ich in allen Therapien gelernt habe.

Ich wünsche dir sehr viel Kraft und Ausdauer. Es wird nicht leicht werden, aber du kannst es schaffen! Vertrau auf dich selbst .-*

viele liebe Grüße
Melanie / http://www.goldzeitblog.de

Reply
Miriam 22. November 2017 at 12:33

Danke für deine lieben Worte Melanie! Im Moment fühle ich mich auch relativ gut aufgestellt mit den Dingen, die ich aus er Therapie mitgenommen habe. Aber langfristig gesehen, würde ich meine Therapie gerne fortfahren. Also geht die Suche jetzt erneut los.

Liebe Grüße
Miriam

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