Home Column Mode in Zeiten des Weltuntergangs

Mode in Zeiten des Weltuntergangs

written by Miriam 4. September 2017

roya ann miller

Da wir momentan etwas beschäftigt sind, Anni mit ihrem Umzug und ich habe eine Woche in der Heimat verbracht, gibt es heute einen etwas älteren Artikel. Ich hatte ihn unmittelbar nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA geschrieben. Daher sind einige der Anspielungen nicht mehr ganz so aktuell, da es sich um das Ende 2016 dreht. Trotzdem fanden wir, dass das Thema bis heute noch wichtig ist und wollten euch deshalb den Post nicht vorenthalten.

Das Jahr 2016 ist noch nicht ganz rum und trotzdem finden sich bereits überall im Internet Memos und Posts, die sich damit beschäftigen, dass dieses Jahr wohl das schlimmste seit langer Zeit sei. Viele bekannte und einflussreiche Menschen sind dieses Jahr verstorben, allen voran David Bowie, Leonard Cohen, Prince oder Alan Rickman. Für einige Menschen geht eine Ära zu Ende, sei es musikalisch oder im Bereich der Schauspielerei. Auch politisch ist dieses Jahr mit dem Wort Desaster noch relativ charmant zu umschreiben. Wer hätte gedacht, dass nicht Großbritannien für ihren Austritt aus der EU, dem sogenannten Brexit, die Krone für die „dümmste politische Entscheidung des Jahres“ nach Hause tragen wird. Nein, im Endspurt des Jahres kommt die USA um die Ecke und definiert dieses Feld vollkommen neu. Und zwar in dem sie einen wütenden, frauenhassenden, rassistischen Mann mit fragwürdiger Haarpracht und ohne jegliche politische Erfahrung zu ihrem Staatsoberhaupt wählt.

Auch wenn man nach Deutschland schaut, gibt es einige Dinge worüber man dieses Jahr nur den Kopf schütteln konnte. Die AfD ist so allgegenwärtig, wie nie in den Medien und nach dem Triumph von Trump im November machen sich nun viele Gedanken, ob so etwas auch in Deutschland bei den Wahlen im nächsten Jahr möglich sein könnte. Flüchtlinge sind auch weiterhin ein großes und wichtiges Thema des Jahres 2016. Erschreckend ist es zu sehen, wie viele Menschen (allen voran die rechtsextremen Parteien) die Wurzel aller Probleme bei den von Deutschland aufgenommenen Flüchtlingen und somit bei unserer momentanen Kanzlerin Angela Merkel suchen. Man merkt, dass auch hierzulande die Wahlen anstehen und es, ähnlich wie in Amerika, versucht wird durch Angst ein vermeintliches Bündnis unter den Wählern zu schaffen. Zum Glück finden dieser Hass und die Angst gerade bei der jungen Generation kaum Anklang und wird durch tolle Projekte mit und für Flüchtlinge einfach ausgespielt. Trotzdem: Es ist erschreckend, wie viele engstirnige und verbitterte Menschen es auch hier zu Lande zu geben scheint.

Außerdem auch hier in Europa vorhanden: Ein weiterer wütender Mann mit fragwürdiger Haarpracht, dessen Ego ein Gedicht nicht verkraftete und der deshalb versuchte den Satiriker Jan Böhmermann zu verklagen. Zum Glück für die freie Meinungsäußerung und dank Böhmermanns Anwälten, die einem erwachsenen Mann allen Ernstes den Sinn eines Witzes erklären mussten, wurde die Klage jedoch abgewiesen. Und nicht zu vergessen, das wohl wichtigste Ereignis dieses Jahres hier in Deutschland: Die Trennung von Pietro und seiner Sarah!

Ehrlich, es war erschreckend zu sehen wie noch am 8. November alle Leute anklagend mit dem Finger (natürlich nur über alle Social Media Kanäle) auf die USA zeigten und den dummen und ungebildeten Amerikanern den Spiegel vorhielten nach dem Motto: „Wisst ihr überhaupt, wen ihr da gewählt habt? Beschäftigt euch doch mal mehr mit dem Thema Politik!“. Trotzdem: Nur einen Tag danach widmete sich sämtliche Aufmerksamkeit nur noch der Frage, ob Pietro Sarah geschubst hat oder nicht. Liebe Deutsche: Vielleicht sollten wir es demnach besser machen als die USA und uns informieren, bevor wir aus Angst vor den „klauenden und Frauen vergewaltigenden Flüchtlingen“ die AfD wählen und uns nicht zu sehr mit dem Klatsch und Tratsch der vermeintlich Reichen und Schönen beschäftigen. Vielleicht mal etwas weniger RTL und dafür ab und an mal die Tagesschau schauen.

Die jüngsten Geschehnisse sollten und müssen ein neues Licht auf die Prioritäten unserer Gesellschaft werfen. Man sollte versuchen nicht alles von sich abzuschieben mit dem Gedanken „Was kann einer alleine schon ändern?“. Wir müssen uns neu orientieren und positionieren.

Und genau hieran möchte ich in diesem Artikel anknüpfen. In einer Welt, in dem es wichtiger denn je ist, sich politisch zu engagieren und unsere Zukunft und die zukünftiger Generationen zu prägen, wo hat da Mode ihren Platzt? Ist es nicht unverfroren, wenn man sich für Fashion Weeks und die Statement Pieces dieser Saison interessiert obwohl in Amerika Muslime darum bangen müssen, sich bald in ein Register eintragen zu müssen? Wie kann man morgens Zeit in sein Outfit investieren oder nachmittags zum gemütlichen Bummeln mit der besten Freundin in die Stadt gehen, wenn es in Deutschland tausende von Geflüchteten gibt, die alles verloren haben und nun in einem Land sind, das sie nicht kennen und dessen Sprache sie nicht mächtig sind?

Die Antwort darauf ist so simpel wie vielschichtig. Mode ist politisch. Sie war es schon immer und wird es hoffentlich auch immer sein. Und wenn es nach mir ginge, ist sie wichtiger denn je. Kleidung, Schuhe, Accessoires… All diese Dinge spiegeln den Träger und seine Persönlichkeit wider. Und dazu gehört eben auch, ob gewollt oder nicht, ein politisches Statement. Coco Chanel trug Hosen, obwohl diese eigentlich den Herren ihrer Zeit bestimmt waren. Muslimische Frauen tragen stolz ihr Kopftuch, obwohl sie viele Seitenblicke und unpassende Kommentare zu hören bekommen. Die Indianer in Amerika wollen durch ihren Kopfschmuck das Erbe ihrer Ahnen wahren und sich mutig gegen die Regierung stellen, die seit Jahrhunderten ihr Land einnimmt und sie in Reservoirs pfercht. Transgender People drücken ihre Zugehörigkeit zu einem Geschlecht durch Kleidung aus, obwohl sie dadurch in Kauf nehmen auf der Straße angepöbelt zu werden. Frauen, die nicht in Size Zero passen liegen in Bikinis am Strand und posten auf Instagram Selfies in ihrem neuen engen Lieblingskleid, auch wenn sie genau wissen, dass viele Kommentare nur das Thema Fatshaming als Inhalt haben werden.

Stolz, individuell, rebellisch. Das alles ist Mode. Und ob man es nun auf den ersten Blick sieht oder nicht. Auch das alles ist Politik. Was erhoffen wir Menschen uns eigentlich von der Politik? Da wir nun mal alle erst mal auf uns selbst schauen, wollen wir, dass es uns in unserer Situation gut geht. Das wir sicher sind. Das wir keine Angst vor der Zukunft oder der unserer Kinder haben müssen. Was fällt unter das Thema Sicherheit? Grob gesagt, finanzielle, gesundheitliche und auch physische bzw. psychische Sicherheit.
Aber wo genau liegt hier nun der gemeinsame Nenner? Alle genannten Dinge im oberen Absatz haben erst mal eines gemeinsam: Es sind Menschen, die sich durch ihre Kleidung ausdrücken. Und wenn man etwas genauer hinschaut, gibt es noch eine weiterer Gemeinsamkeit: Es handelt sich um Gruppen, die in der kommenden Amtszeit von Donald Trump bangen müssen. Nicht nur vor den Entscheidungen, die der zukünftige Präsident treffen könnte, sondern auch vor den amerikanischen Mitmenschen, die sich nun eventuell in ihrem Hass gegenüber Minderheiten bestärkt fühlen und es nun als ihr Recht ansehen, diese mit allen Mitteln zu unterdrücken oder gar auszulöschen.

Aber was tun diese vermeintlichen Minderheiten? Verstecken sie sich und hoffen auf das Beste? Nein, sie sind entschlossener denn je für ihr Rechte und die allgemeine Gleichberechtigung aller Geschlechter, Glaubensrichtungen oder … zu kämpfen. Und wie machen sie das, abgesehen von friedlichen Demonstrationen, Zusammenkünften und Aktionen? Durch Mode! Sie tragen ihre Kopftücher mit Stolz, die High Heels mit Würde und die Hosen mit einer Prise Rebellion. Und deshalb spielt die Mode selbst im Zeitalter des vermeintlichen Weltuntergangs eine so tragende und wichtige Rolle. Man gibt sich nicht einfach geschlagen. Man lässt sich nicht sagen, wie man zu leben hat. Man kämpft für die Gleichberechtigung und zeigt, dass man stolz ist, anders zu ein, aber trotzdem einer von allen ist.

Mode gibt uns eine Plattform zum austauschen, mitteilen und aufmerksam machen. Sie ist so offen und vielfältig wie man sich unsere Gesellschaft wünscht. Mutig, bunt und nicht wertend. Genau das, was die Anti-Trump Protestanten sind. Sie sind stolz darauf, wer und wie sie sind. Sie versuchen nicht durch Hass und Angst Leute gegeneinander aufzuhetzen. Durch den Austausch und das Informieren über Missstände und Ungerechtigkeiten will man darauf aufmerksam machen, dass wir als Gesellschaft noch fern von Perfektion sind. Aber wie fängt man in diesen Zeiten ein kritisches Gespräch mit einem Opponenten an? Manchmal einfach dadurch, das dem gegenüber die Farbe des Kopftuchs gefällt.

Und genau deshalb muss sich niemand dafür schämen, sich auch nach dem Jahr 2016 noch für das Thema Mode zu interessieren. Man sollte nur versuchen, das Tagesgeschehen der Welt bei all den neuen Kleidern nicht aus dem Blick zu verlieren und sich für das zu engagieren, an das man glaubt. Egal ob in Pumps, Kopftuch oder Bikini.

Leave a Comment