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Goodbye Hamburg…

written by Anni 28. August 2017

Lange hatte ich nicht mehr dieses Gefühl. Dass mir alles zu viel ist. Dass ich Linkin Park so laut aufdrehe wie möglich, um für einen Moment den Kopf auszuschalten. Dass ich einfach die Zeit anhalten möchte und einfach mal aufhören möchte erwachsen zu sein.

Und was passiert prompt innerhalb der ersten Minute von In the End? Natürlich. Ich flenne wieder wie mit 15. Ob es die Musik ist, die Tatsache, dass ich meine Gefühle gerade nicht teilen oder mit jemandem drüber sprechen kann, oder einfach meine gegenwärtige Gemütslage. Eins steht fest: ich habe mich schon lange nicht mehr so emotional gefühlt. Aber auch so innerlich gedrängt, meine Gefühle aufzuschreiben. Der Welt mitzuteilen. In meiner Jugend und auch noch vor 3/4 Jahren habe ich häufig niedergeschrieben, was ich gefühlt habe. Nicht veröffentlicht, aber aufgeschrieben. Irgendwie befreit das. Genau deswegen versuche ich es jetzt auch. Schon während ich diese Zeilen tippe fangen die Tränen wieder an zu trocknen. Dabei weiß ich nicht mal, ob ich den Beitrag veröffentlichen werde.

Tatsache ist: ich werde umziehen. Hamburg verlassen. Diese Stadt, die ich über die letzten vier Jahre so unglaublich lieb gewonnen habe. Trotz der vielen im Weg herumstehenden Menschen, ausfallenden S-Bahnen, anstrengender Wohnungssuche und ja, auch trotz des Wetters. Jahrelang zählte alles südlich von Hamburg scherzweise für mich zu Süddeutschland. Nicht, weil ich schlecht in Geografie bin. Oder irgendwas gegen Menschen habe, die nicht aus dem Norden kommen. Einfach nur deshalb, weil diese ‚Begrenzung‘ mir selbst ein Gefühl von Geborgenheit gab. Hier oben kenne ich mich aus, hier ticken die Menschen alle ziemlich ähnlich, hier weiß ich was ich bei 20°C anziehen muss und dass ich lieber immer einen Regenschirm dabei haben sollte. Es ist nicht so, dass ich nie woanders gewesen bin in Deutschland. Meine Großeltern stammen aus Sachsen, mein Bruder ist nach Greifswald und später nach Berlin gezogen. Ich hatte eine kurze Beziehung mit einem Kerl in Berlin, ich habe Freunde in der Nähe von Gießen und Koblenz. All diese Menschen habe ich mehr oder weniger häufig besucht. Ihre Gegend, ihr zu Hause kennengelernt. Mich wohlgefühlt. Aber nichts kommt gegen dieses Heimatgefühl von Schleswig-Holstein und Hamburg an. Ich bin hier geboren und aufgewachsen; zur Schule gegangen und habe hier studiert; Freunde gewonnen und wieder verloren; Beziehungen geführt und komische Kerle kennengelernt; alte Hobbys vertieft und neue kennengelernt – die wichtigsten Menschen meines Lebens wohnen hier. Und werden hier bleiben.

Auch wenn ich nach München gehe.

Das ist wohl das härteste.

Ich komme gerade aus München, habe mir Wohnungen angeschaut. Zwei Zusagen bekommen. Darüber sollte man sich freuen, richtig? Aber in dem Moment, in dem ich zu Hause alleine auf dem Bett sitze, mich in der Wohnung umschaue, die wir erst vor knapp anderthalb Jahren bezogen haben, und anfange nachzudenken – überwältigen mich meine Gefühle. Meine Ängste. Meine Traurigkeit, das hier alles aufzugeben. Alles und jeden hier zurücklassen zu müssen. Mal abgesehen von den Möbeln, Klamotten und am wichtigsten meinem Freund. Ja, irgendwie ziehen wir seinetwegen nach München. Jobangebot. Was soll man da sagen. Natürlich hätte ich hier bleiben können. Aber mal ernsthaft: nein. Das hätte ich nicht getan. Das hätte ihm nicht gut getan, mir nicht und den Menschen in meinem Umfeld vermutlich auch nicht. So ist das einfach, wenn man ernsthaft über die Zukunft nachdenkt. Und damit meine ich nicht die Gedanken einer 18-Jährigen, die denkt, sie hätte die große Liebe vor sich stehen, sich mit ihm eine goldene Zukunft ausmalt und einen Monat später von ihm abserviert wird (yes, we’ve all been there). Hey, es kann sich immer noch was ändern, aber die letzten zwei/drei Jahre haben schon ganz okay funktioniert bei uns.

Also geht es auch für mich los. Los in eine ungewisse Zukunft. Eine neue Stadt, einen neuen Alltag, einen neuen Job. Natürlich freue ich mich auch darauf. Aber loslassen war irgendwie noch nie so mein Ding. Und ausmisten von alten Sachen sowieso nicht. Irgendwie drücke ich mich auch ein wenig davor. Okay okay. Nicht nur ein wenig. Doch bis heute beziehungsweise gestern schien alles noch so weit entfernt. Ohne Wohnung kann man schließlich schlecht einen Umzug planen. Außerdem, wer kennt es nicht, dieses Problem mit dem Prokrastinieren bis zum bitteren Schluss. Oder eben kurz vor Schluss. Jetzt haben wir eine Wohnung. Und ziehen nächste Woche um. Bis zum 01.09. sind es noch neun Tage. Neun Tage in denen ich noch vier feste Verabredungen habe, die ich nicht absagen möchte oder werde. Neun Tage, in denen ich noch mindestens ein Mal nach München muss, um den Vertrag zu unterschreiben und die Wohnungsübergabe zu machen. Neun Tage, in denen ich noch so viel Hamburg wie nur irgendwie möglich in mir aufsaugen möchte. Neun Tage. Viel zu wenig.

Ich weiß, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich kann nur noch das Beste aus der Zeit machen, die mir bleibt. Die Zeit genießen, die ich noch hier bin und mit meinen Freunden verbringen kann. Jetzt ist genug gejammert. Ich mache mich jetzt ans Kisten packen!

 

P.S.: Wie ihr euch vielleicht unschwer ausrechnen könnt, habe ich diesen Beitrag schon vor ein paar Tagen geschrieben. Um meine Gedanken und Gefühle trotzdem so rüberbringen zu können, wie sie in dem Augenblick waren, habe ich mich entschlossen, die Zählweise so zu belassen wie sie zu dem Zeitpunkt war.

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