Home Column Let’s talk about… „Lächle doch mal“

Let’s talk about… „Lächle doch mal“

written by Anni 6. August 2017

Nein.

Ich möchte dieses Wort jedes Mal am liebsten laut heraus schreien, wenn ich den Satz ‚Lächle doch mal‘ höre. Dabei rede ich nicht von dem zärtlichen Satz, der zu Hause in den eigenen vier Wänden von meinem Freund zu mir gesagt wird, wenn es mir mal nicht gut geht und er auf jede erdenkliche Art und Weise versucht mich aufzuheitern. Ich rede von der Aussage von völlig Fremden, Kunden bei der Arbeit, Kollegen, die mich kaum kennen aber auch Freunden, die mich eigentlich besser kennen sollten. Mal völlig abgesehen davon, dass ich mir selten was sagen lasse – vor allem dann nicht, wenn Menschen denken, sie wüssten was ich denke oder fühle –, bin ich einfach ein ziemlich emotionaler Mensch. Würde ich mal so behaupten. Wenn mich etwas beschäftigt, renne ich nicht grinsend durch die Gegend. Wenn ich über etwas nachdenke, sehe ich nicht aus, als hätte mir gerade jemand einen Cupcake geschenkt. Wenn ich traurig bin, überspiele ich es meistens nur so weit, dass ich ’neutral‘ wirke. Ist doch nur menschlich, oder? Sollte man zumindest meinen.

An diesem Punkt kommen die Mitmenschen ins Spiel. Menschen, die gar keinen Ahnung haben, was gerade in dir vor geht. Nicht verwerflich, um ehrlich zu sein. Ich bin auch die meiste Zeit mit mir und meinen eigenen Gedanken beschäftigt. Wir Menschen sind so. Es übersteigt unser Verständnis, dass jeder Mensch in einer ähnlichen Position ist, wie man selbst. Mit eigenen Sorgen, Zielen, Wünschen und Gedanken. Darüber will ich mir hier gar nicht den Kopf zermartern. Doch manchmal sollten wir uns eben dies bewusst machen. Bevor wir einen locker-flockigen Spruch á la ‚Lächle doch mal‘ raushauen. Weil wir versuchen witzig zu sein. Oder einfach wirklich nicht nachdenken.

Weshalb sollte ich lächeln? Weil du es mir sagst?

Mich beschäftigt momentan extrem viel. Ich bin auf Jobsuche, auf Wohnungssuche, gerade dabei viele vertraute Brücken abzubrechen ohne zu wissen, wie ich neue bauen soll. Ich bin nicht von allem begeistert, was gerade passiert. Nicht wirklich happy mit meinem (Neben)Job und ab und an auch nicht zufrieden mit den Menschen, mit denen ich arbeite. Das ist einfach so und das ist völlig normal. Wenn dann eines Morgens um 9.50 Uhr ein Stammkunde in den Laden kommt, aussieht als hätte er den Sonnenschein zum Frühstück verspeist und du selbst Mühe hast, beide Augen offen zu halten, weil du letzte Nacht bescheiden geschlafen hast, dir zu warm ist und du dabei immer noch nicht dazu gekommen bist, etwas zu frühstücken – er dich anschaut, dein ‚resting bitch face‘ sieht und dir den Spruch um die Ohren knallt – dann denkst du dir auch nur: halt’s Maul. In diesem speziellen Fall jetzt nicht, denn eigentlich mag ich den Mango-Mann, wie ich ihn liebevoll getauft habe. Aber der Satz hat ihn vorläufig ganz weit ins Aus katapultiert. Vielleicht reagiere ich auch zu empfindlich auf solche Sätze. Dennoch stellt sich mir die Frage – die ich ihm am liebsten auch gestellt hätte – wieso sollte ich das jetzt tun? Weil du es mir gerade sagst? Und wie soll ich darauf reagieren? Variante 1: Wer bist du, dass du mir so etwas befehlen kannst? Variante 2: Soll mich das aufmuntern? Funktioniert nicht. Variante 3: Glaubst du, du weist mich gerade unauffällig darauf hin, dass ich etwas mürrisch gucke? Danke, das weiß ich schon.

Sorry but not sorry.

Ich bin kein rosa-plüsch-glitzer-Bonbon, der am laufenden Band und 24/7 mit guter Laune durch die Gegend springt. Dafür bin ich doch einfach nur ein Mensch. Manchmal ist mir nicht nach lächeln zu mute. Wo ist das Problem? Ja, ich arbeite in der Gastronomie und somit direkt am Kunden. Aber solange ich freundlich und kompetent bin, kann mir keiner was. Da muss ich nicht mit überschwänglichem Grinsen herumlaufen.

Was mich auch zum nächsten Punkt führt: das resting bitch face. Glücklicherweise habe ich nicht so arg damit zu kämpfen. Ich sehe eher etwas traurig aus, wenn ich neutral gucke. Wird mir zumindest häufiger gesagt. Andere Menschen gucken in neutralem Zustand einfach echt böse. Sollen die sich jedes Mal entschuldigen, wenn ihnen gesagt wird, sie sollen mal lächeln, weil sie sonst böse gucken? Natürlich sieht man netter aus, wenn man lächelt. Aber manchmal ist man einfach nicht in der Stimmung. Hinzu kommt, dass lächeln echt anstrengend sein kann, wenn man es dauerhaft tun soll oder wenn man gar keinen wirklichen Grund zum lächeln hat. 

Ist das sexistisch?

Wieso hören diesen Satz – zumindest gefühlt – immer nur Mädchen und Frauen? Ich habe letztens ein tolles Kurzvideo gesehen zum Thema, wie man mit jungen Mädchen umgehen sollte. Ihnen nicht immer nur zu sagen, dass sie schön aussähen. Ihnen auch zuhören, ihnen Fragen stellen. Zu Dingen, die sie interessieren und beschäftigen. Damit sie nicht das Gefühl haben, nur auf ihr Aussehen reduziert zu werden. Auch das ist in meinen Augen ein wichtiger Punkt in unserer Gesellschaft.

Warum werden wir es überhaupt noch immer? Sind wir Frauen nur dafür da, hübsch auszusehen, zu lächeln und anderen zu gefallen? Nein. Was ist das denn bitte für ein Bullshit. Vielleicht war das in den letzten Jahrhunderten so. Frauen als Trophäen, am Arm ihres  Mannes, nur da, um gut auszusehen. Und um Kinder zu bekommen. Auch heute noch sind wir häufig eine Art Status Symbol – der Kerl mit der heißesten Freundin wird beneidet, gilt als cooler Hecht und ist ein Vorbild. Gut, anders herum sind wir Frauen auch manchmal nicht besser. Aber das ist doch völlig irregeleitet. Auch wenn viele Frauen so langsam merken, dass die meisten Kerle die so denken, nicht zu gebrauchen sind. Vor allem junge Frauen oder Mädchen haben meistens noch nicht so viel Selbstbewusstsein, für sich selbst einzustehen. Sie wollen gefallen. Aber ich möchte lächeln, wann ich will. Nicht weil es mir irgendwer sagt. Nicht weil es in einer Situation als angemessen empfunden wird. Nicht weil es mir irgendwer vorschreibt oder mich glauben machen will, ich wäre dann hübscher.
Netter.
Sympathischer.
Sonst irgendwas.

Wow. Seit wann bin ich so feministisch? But well… vielleicht wollte Mango-Mann mich wirklich nur aufmuntern. Manchmal reagiere ich vielleicht ein wenig zu heftig. In der Situation natürlich nicht, aber ich bin sehr gut darin, mich im Nachhinein in so etwas hineinzusteigern. Siehe heute. Das wichtigste ist einfach: seid ihr selbst. Wenn euch so ein Satz aufmuntert, seid froh darüber. Aber wenn ihr gerade nicht in der Stimmung seid, sagt das. Verstellt euch nicht.

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2 comments

Mrs Unicorn 10. August 2017 at 11:55

Wie sehr ich diesen Satz hasse! Da bleibt mir direkt JEDES Lächeln im Hals stecken. Toller Beitrag!

Liebe Grüße und noch eine traumhafte Woche.
Celine von http://mrsunicorn.de

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The Pink Flamingo Diaries 17. August 2017 at 22:15

Lieben Dank! Es ist beruhigend, dass es auch anderen Menschen so geht.

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