Home Column Mental Health Monday #2 – Meine Freindin die Therapeutin

Mental Health Monday #2 – Meine Freindin die Therapeutin

written by Miriam 24. Juli 2017

Kathleen Gr

Mittwoch – Ich hechte die Stufen aus dem fünften Stock hinunter. Warum bin ich nur jemals so hoch oben eingezogen und das ganz ohne Aufzug? Gute Anbindung, faire Miete, netter Mitbewohner… Achja, da war was. Aber wie immer kostet mich das Treppenhaus wertvolle Minuten. Schliesslich bin ich mal wieder zu spät dran, um meine Bahn zu bekommen. Im Laufschritt geht es dann Richtung Haltestelle und mit einem Endspurt, der jeden Olympioniken erblassen lassen würde, schaffe ich es noch in die Bahn. Schnaufend und schwitzend stehe ich wie eine Ölsardine zwischen hundert anderen Mitreisenden bei 30° und keiner Klimaanlage. Bis auf die warmen Temperaturen, sieht jeder meiner Mittwoche so aus. Immer zu spät zu einem Termin, der wöchentlich wiederkehrt – Die Sitzung bei meiner Therapeutin.

Vor etwas über einem Jahr fingen meine Treffen Mitte der Woche mit Frau S. (wir lassen Ihren wahren Namen jetzt mal aus dem Spiel) an. Das erste Mal hatte ich eine Psychotherapie mit 14 oder 15 Jahren. Aber als ich 18 wurde, zog meine damalige Psychologin weg aus meiner Heimatstadt und auch mich verschlug es erst nach Erfurt, dann Paris und schliesslich Hamburg. Eigentlich hatte ich nur meine Medikamente von einer Psychiaterin neu einstellen lassen wollen, doch diese meinte, nachdem ich ihr einen kurzen Abriss über mein bisheriges Leben gegeben hatte, dass ich doch nochmal über eine Langzeittherapie nachdenken sollte. Gut, dachte ich, schreibe ich mich eben auf eine Warteliste, wird vermutlich sowieso ein Jahr dauern. Ich hatte Glück, nur zwei Monate später klingelte mein Telefon und mir wurden einige Kennenlerntermine bei Frau S. angeboten. Bei unserem ersten Termin war ich skeptisch. Die Frau, die mir da gegenüber saß, war höchstens 10 Jahre älter als ich, wenn überhaupt. Außerdem trug sie hübsche New Balance Sneaker an den Füßen und Bronzer im Gesicht. – Jemand der sich so anzog, konnte doch keine gute Therapeutin sein, oder?

Doch nur eine Woche später saß ich weinend und frisch von meinem damaligen Freund verlassen (ja, die Geschichte wiederholte sich genau ein Jahr später mit einem anderen Kerl) in der Praxis und fand es auf einmal sehr beruhigend, dass sie immer wieder betonte, wie oft auch ihr schon das Herz gebrochen wurde. Ich fühlte mich verstanden und begann zu überlegen, ob es nicht sogar ganz gut sei, dass wir alterstechnisch nicht so weit auseinander liegen. Diese These sollte sich bestätigen. Jetzt, ein Jahr später, schmeiße ich mich förmlich jeden Mittwoch in den Sessel, natürlich etwas zu spät und immer außer Atem, und erzähle Frau S. was mich gerade bedrückt, nervt oder manchmal auch glücklich macht. Ich kann nicht genau beschreiben, warum mir diese wöchentlichen Treffen so gut tun. Schliesslich ist es nicht so, wie ein Plausch mit einer guten Freundin. Frau S. weiß so gut wie alles über mich. Sie kennt alle meine Freunde mit Namen, weiß, wie das Verhältnis zu meinem Vater ist und ist mehr als gut informiert über mein Dilemma mit den Männern. Andersherum weiß ich aber kaum etwas von ihr. Gut, ich kenne Ihren Vornamen. Aber auch nur, weil der auf ihrer Karte steht. Beim Alter kann ich nur raten. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Sie gerne macht, ob Sie einen Freund hat, oder wie ihre Mutter heißt.

„Vielleicht“, habe ich letztens zu einer Freundin gesagt, „ist genau das der Grund, warum mir die Therapie irgendwie hilft. Weil ich einfach über alles reden kann und keine Angst vor der Reaktion von Frau S. haben muss. Sie ist immer eine nüchterne Meinung auf meine Gefühls- und Sozialwelt, ist niemals wertend. Sie bremst mich aus, wenn ich mir schon wieder zu viele Gedanken mache und ermutigt mich dazu, neue Dinge zu probieren. Und das ganz ohne Gegenleistung. Bei ihr muss ich mich nicht schlecht fühlen, wenn ich zum zehnten Mal das selbe Thema anschneide. Sie versteht das. Denn auf eine verrückte Weise ist genau das ihr Job“ – Soweit meine Analyse des Themas.

Doch natürlich ist nicht immer alles rosig in unserer einseitigen Beziehung. Manchmal treibt mich Frau S. regelrecht in den Wahnsinn. Für alle die unter euch, die noch nie eine Sitzung bei einem Psychologen/einer Psychologin hatten: Man liegt zwar nicht wie in all den Hollywoodfilmen auf einer Couch, doch dieses Klischee, dass Therapeuten immer mit Fragen auf Aussagen und sogar gestellte Fragen reagieren, ist gar nicht mal so falsch. Schliesslich ist ja der Sinn hinter dem Ganzen, dass dein Gegenüber nur den Anstoß für neue Gedankengänge geben soll. Wer zur Therapie gehen will, um ein bewährtes Rezept für eine psychische Krankheit zu bekommen, wird wie ich schwer enttäuscht. Irgendwie hatte ich immer gehofft, dass es eine ganz einfache Formel gibt, damit ich mich besser fühle. Meinetwegen eine Medizin, die mir meine sozialen Ängste nimmt und auch die depressiven Phasen bessert. Pustekuchen. Alles soll man selber machen! Und dazu sind eben diese blöden Fragen, die meine Therapeutin stellt, da. Um ganz alleine heraus zu finden, wie man mit den Problemen, die man im Alltag hat, umgehen kann. Welche Techniken einem helfen können, schwierige Situationen zu meistern. Und das treibt mich jedesmal auf die Palme – Leider scheint es genau das zu sein, was Frau S. erreichen will. Denn da, wo ich wütend werde und keine Lust mehr habe auf all ihre Fragen zu antworten, da scheint es noch Arbeit für uns zu geben. Schlaues Mädchen, diese Frau S.

Ich bin in vielen Dingen ein sehr geduldiger Mensch. Doch sobald es um mich selbst geht, erwarte ich sofortige Ergebnisse oder Erfolge. So eben auch nach den ersten Therapiesitzungen. Alsbaldige Besserung hatte ich mir erhofft. Dass ich bald wie ganz normale Leute auf Parties gehen und mein damaliges Studentenleben genießen könnte. Leider blieb dieser stille Wunsch bis heute unerfüllt und es hat mich gut ein Jahr gekostet um zu verstehen, dass so eine Therapie ein sehr sehr langer Weg ist. Ebenfalls habe ich lange dafür gebraucht, um mich wie jetzt hier ganz normal und ehrlich über meine Erfahrungen in der Therapie auszutauschen. Die meisten Leute denken leider immer noch, dass man verrückt ist, wenn man zu einer Psychologin geht und das diese einen ja sowieso nur mit Medikamenten voll pumpen würde.

Genau wegen dieser Vorurteile habe ich beschlossen, so offen über meine Erfahrungen zu reden. Damit Menschen, die vielleicht über eine Therapie nachdenken, keine Angst mehr davor haben müssen. Und damit der Teil der Gesellschaft, der nicht zur Therapie geht vielleicht etwas von den Vorteilen verliert. Denn wie Jon Hamm mal in einem Interview gesagt hat: „Going to the therapist is like going to the dentist“ – Eben ganz normal.

Miriam

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1 comment

Mental Health Monday #3 - Alles auf Anfang - The Pink Flamingo Diaries 22. November 2017 at 12:56

[…] Jahren hatte ich die erste Sitzung bei meiner Therapeutin. Wie ich bereits in meinem Artikel „Meine Freindin die Therapeutin“ geschrieben habe, war ich mir am Anfang ziemlich sicher, dass ich überhaupt keine Therapie […]

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