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Let’s talk about… Fragwürdige Komplimente

written by Miriam 10. Juli 2017

Vor circa zwei Wochen machte ich meine wohlverdiente Zigarettenpause (ja, im wahren Leben bin ich mehr als angewiesen auf einen Nebenjob), da gesellte sich mein Chef zu mir und einem meiner liebsten Kollegen. Da es an diesem Tag relativ warm war, liefen viele Frauen in Röcken, Shorts oder kurzen Kleidern durch die Straßen, um nicht von der Hitze erschlagen zu werden. Natürlich ließ mein Chef dies nicht unkommentiert und schnell entwickelte sich zwischen ihm und meinem Kollegen ein angeregtes Gespräch darüber, warum manche Frauen einfach keine kurzen Sachen tragen dürften, sie seien ja schliesslich viel zu dick dafür. Ich vertrete den Standpunkt, dass jeder tragen kann, was er will. Solange man sich wohl fühlt ist mir wirklich ziemlich egal, ob du einen Bikini oder einen Jumpsuit trägst. You do you! Anscheinend konnte man mein Kopfschütteln nicht übersehen und so sagte mir mein Chef liebevoll: „Du hast jetzt aber eine viel bessere Figur, als vor einem halben Jahr! Da warst du schon ein bisschen pummelig.“

Mir viel vor lauter Schreck fast die Fluppe aus der Hand und ich konnte mit meinem sonst so schnellen und sarkastischen Mundwerk nichts erwidern. Es geht mir an dieser Stelle auch gar nicht um das Thema Fat Shaming, das werden wir in einem Beitrag zum Mental Health Monday noch einmal separat behandeln. Viel geschockter war ich von der Tatsache, dass mein Chef wirklich davon ausging, mir gerade ein Kompliment gemacht zu haben. Und zwar ein ziemlich fragwürdiges.

Sofort erzählte ich meinen Kolleginnen von dieser Begegnung dritter Art und nachdem wir alle herzlich über die Aussage gelacht haben, das ich pummelig gewesen sei, trat Stille ein. Nach kurzem Überlegen kam heraus, dass jede von uns dreien schon einmal ein solch fragwürdiges Kompliment erhalten hat. Jeder kennt diese Art vermutlich. Komplimente, die sich aus zwei Komponenten zusammensetzten. Zum einen natürlich das Lob oder die Anerkennung für etwas, zum Beispiel: „Deine Augen sind wirklich sehr schön blau.“. Zum anderen aber die darauf folgende Abwertung, wie: „Aber die Augen von XY sind noch einen ticken blauer.“ Leider erschloss sich uns nicht, warum anscheinend gerade Männer solche getarnten Komplimente bevorzugen. Schliesslich hört man bei solchen Dingen meist nur die negativen Sachen heraus und überhört das eigentliche Kompliment. Man fühlt sich danach nicht besser, sondern meistens sogar eher schlechter und zweifelt an sich selbst. Um bei dem Beispiel mit den blauen Augen zu bleiben. Vielleicht sind diese blauen Augen etwas, auf das man sehr stolz ist oder die man an sich selbst am liebsten mag. Doch wenn man hört, dass jemand anderes noch viel viel schönere Augen hat, stellt man automatisch sein eigenes Licht unter den Scheffel und hinterfragt, ob man wirklich so zufrieden mit der Farbe seiner Augen ist.

Wie immer bei solchen kontroversen Männerfragen, wendete ich mich an meinen Mitbewohner, denn er ist schliesslich ein Mann. Beim gemeinsamen Abendessen und Kreuzworträtseln, genau zwischen Karpfenfisch mit fünf Buchstaben und einem Löffel Cous Cous stellte ich die entscheidende Frage: „Sag mal, machst du auch immer so fragwürdige Komplimente?“. Er stutzte kurz und nachdem ich ihm von meinem Erlebnis mit meinem Chef erzählt hatte, überlegte er. „Das du auch immer so eine Männer hassende Feministin sein musst.“, schmunzelte er und wusste ganz genau, dass er damit einen Nerv trifft. Schliesslich ging ich hier ja gerade davon aus, dass hauptsächlich der Anteil der Bevölkerung mit einer Außeninstallation diese Art von Komplimenten von sich gibt. Da hatte er mich. Aber dieses mal konnte ich kontern, ha! „Ich habe schon viele Filme gesehen, hauptsächlich aus Hollywood natürlich, wo Männer diese Weisheit weitergeben. Nach dem Motto: Lass die Frau bloß nicht denken, dass du sie toll und attraktiv findest.“ Zufrieden mit meiner Antwort lehnte ich mich zurück und wartete. Doch zu meiner Überraschung lachte mein Mitbewohner nur. „Naja, das ist ja auch das ganze Geheimnis dahinter. Man will ja gerade am Anfang nicht zu interessiert wirken.“. Aha. „Also machst du selbst auch solche Komplimente?“ fragte ich verwirrt zurück. „Klar, manchmal…“ – „Das erklärt vielleicht, warum du Single bist mein Lieber…“ – „Weil es bei dir ja soviel besser läuft!“. Danach war das Thema beendet und wir widmeten uns wieder still dem Kreuzworträtsel.

Aber was ziehe ich nun zwei Wochen später aus dieser Unterhaltung? Das Männer bekloppt sind wenn sie denken, dass man gerade am Anfang nicht zu interessiert wirken darf? Oder das Frauen genauso verrückt sind, wenn sie dieses Spiel nicht durchschauen oder gar mitspielen? Ich bin ehrlich: Keine Ahnung. Das liegt vielleicht einfach daran, dass ich diese Art von Komplimenten schon überhaupt keine Beachtung mehr schenke, oder einfach einen flotten Spruch hinterher drücke, falls jemand meint, mich durch solche zweideutigen Aussagen verunsichern zu wollen. Woher kommt überhaupt diese Idee, dass Männer nicht interessiert wirken dürfen? Als würde jede Frau sofort weglaufen, wenn sie merkt, dass sich ein Mann ernsthaft für sie interessiert. Nicht jede von uns sucht den Typ Arschloch, glaubt mir.

Ich persönlich freue mich über jedes Kompliment, da es einem gerade an schlechten Tagen einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben kann. Und dabei ist es egal, ob ein Mann, eine Frau oder irgendwer dazwischen dieses Kompliment ausspricht. Im Gegenzug versuche ich aber auch, so oft es geht Komplimente zu machen. Nicht, um zu schleimen, sondern weil ich genau weiß, dass solche Aussagen Balsam für die Seele sein können. Leider sagen wir viel zu oft, was uns stört an anderen und viel zu selten, was uns gefällt. Ich plädiere also für mehr Komplimente und zwar nicht die, der fragwürdigen Art!

Doch was denkt ihr, steckt hinter diesen fragwürdigen Komplimenten? Sind sie überhaupt noch so präsent, oder reagiere ich hier einfach nur etwas über? Was tut ihr in solchen Situationen?

In diesem Sinne: Macht euren liebsten Menschen doch mal wieder ein ernst gemeintes Kompliment. Manchmal wirkt das Wunder.

Miriam

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