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let’s talk about… das Ding mit der Zeit

written by Anni 2. Juli 2017

Mittwoch ist mir ein Brief in die Wohnung geflattert. Von der Hamburger Behörde für Inneres und Sport. Eine Aufforderung zur Zahlung eines Verwarngelds. Mist. Weil ich zu schnell gefahren bin und dabei geblitzt wurde. Doppel Mist. Den Job, zu dessen Vorstellungsgespräch ich an eben jenem Tag unterwegs war, habe ich auch nicht bekommen. Dreifacher Mist.

Wer kennt es nicht: das Problem mit dem spät dran sein. Wenn man es nicht selbst kennt, dann hat man meistens allerdings diese eine Freundin – oder Freund – die immer zu spät ist. Ich habe mich nie als diese Freundin gesehen, doch ich muss zugeben: ich bin Meisterin im knapp-dran-sein. Andererseits bin ich ein leidenschaftlicher Verfechter der „deutschen Pünktlichkeit“ wie sie immer so schön genannt wird. Ich bin absolut der Meinung – meiner Erziehung sei dank – dass Pünktlichkeit, vor allem bei wichtigen Terminen, das absolute A und O ist. Und dabei rede ich von 10 Minuten vor der Uhrzeit da sein. Eine Freundin verzeiht es einem eher mal, dass man sich um fünf Minuten verspätet. Bei einem Vorstellungsgespräch kann es einen die Chance auf den Job kosten.

Aber mal zurück zu dem Donnerstag Anfang Juni, als ich ein Gespräch bei der Agentur hatte, bei der ich unbedingt einen Job wollte: Den Termin hatte ich super spontan am Tag zuvor bekommen. Ich hatte ein sehr nettes Telefonat mit der Personalerin, habe nach der Arbeit sogar noch sämtlich Läden der Innenstadt durchforstet, um ein passendes Outfit zu finden. Es sollten nämlich am nächsten Tag 28°C werden. Nett. Aber nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein souveränes und angemessen angezogenes Auftreten. Letztendlich stand ich abends vor fünf verschiedenen Outfits und konnte mich tatsächlich nach kurzer Bedenkzeit – und tatkräftiger Hilfe von Miriam – entscheiden. Outfit: Check. Passende Schuhe ausgesucht und bereitgestellt. Check. Meine Mappe noch einmal überprüft und auf einen USB-Stick gezogen. Check. Mit dem Gefühl gut vorbereitet zu sein, bin ich schlafen gegangen.

Am nächsten Morgen bin ich früh genug aufgestanden, habe entspannt gefrühstückt, war noch ein bisschen am Laptop und habe mich dann fertig gemacht. – An dieser Stelle sei bemerkt, dass ich normalerweise Frühstück und Schminken gleichzeitig erledigen muss, weil ich knapp dran bin. – Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich noch Zeit hatte. Eine passende Bus/Bahnverbindung hatte ich mir natürlich auch schon heraus gesucht. Das sind eigentlich alles Indizien, dass ich perfekt vorbereitet und super pünktlich hätte bei meinem Vorstellungsgespräch sein sollen, oder nicht? Pustekuchen.

Letztens habe ich erst einen ganz tollen Artikel zu (Un-)Pünktlichkeit auf businessinsider gelesen. „Vielleicht kommt ihr auch zu spät, weil ihr Optimisten seid. […] Optimisten glauben, dass sie mehr Aktivitäten in einem Zeitraum unterbringen können als andere. ‚Das schaffe ich schon‘ ist ihr Lebensmotto.“ This is so me. Auch an eben jenem wichtigen Donnerstag. Denn ich kam auf die glorreiche Idee, die Briefschaft und Werbemittel einer meiner Projekte noch einzupacken. Dinge, die man in die Hand nehmen kann, punkten schließlich immer. Das war dann der Punkt, als die Abwärtsspirale meines Tages begann.

Meine gesuchten Unterlagen habe ich in der Wohnung gesucht, in meiner Abschlussmappe, dem anderen Krempel aus Uni-Zeiten, ja sogar im Keller. Glaubt ihr, ich habe sei gefunden? Richtig. Nein. Zu spät losgekommen bin ich trotzdem. Wobei ich hier kurz anmerken muss, dass ich nicht ‚zu spät‘ dran war sondern lediglich zu der spätmöglichsten Uhrzeit, um noch pünktlich zum Gespräch zu kommen. Wenn denn auf den HVV Verlass wäre… Natürlich kam ich zur Bushaltestelle und die Anzeige stimmte nicht mit meinem Plan überein. Der nächste Bus sollte in 9 (!) Minuten kommen. Panik. Handy rausgeholt, den Fahrplan gecheckt. Der Bus hatte Verspätung. Panik. Alternative Route gecheckt. Hätte auch keine Zeit wieder rausgeholt, nur einen längeren Fußweg mit sich gebracht. DriveNow App gecheckt. Auto in 50 Metern. Meine Gedanken kreisten wie verrückt, mein Puls stieg an, von Angstschweiß will ich gar nicht sprechen, es herrschten sowieso bereits 30°C.

Für zwei Minuten war ich hin und her gerissen: S-Bahn? Bus? Auto? Letztendlich habe ich mich für das Auto entschieden. Route ins Navi. 15 Minuten vor dem Termin sollte ich da sein. Ist ja locker machbar denkt ihr jetzt. Da habt ihr die Rechnung ohne Hamburg gemacht. Auf dem Ring kam ich noch recht gut voran, aber dank des Zeitdrucks bin ich natürlich ein bisschen zügig gefahren. Den Blitzer habe ich auch mitbekommen. Und mir in dem Moment versucht einzureden, dass die Tachonadel unter 60 war. War sie aber offensichtlich nicht. Je näher ich der Innenstadt kam, desto voller wurde die Straße. Mein 10-Minuten-Puffer für Parkplatzsuche schwand immer weiter. Zwischenzeitlich habe ich sogar überlegt, das Auto an einer U-Bahn-Station abzustellen und den Rest mit der Bahn zu fahren. An den Stationen gas es aber keinen freien Parkplatz.

Kurz vor Dammtor stand ich dann natürlich im Stau. Als ich versucht habe, jemanden in der Agentur zu erreichen um Bescheid zu sagen, dass ich mich verspäten würde – das war circa 25 Minuten vor dem Termin – ging natürlich niemand ran. Auch beim dritten Versuch nicht.

Wenn man auf das Navi vertraut, biegt man leider auch mal falsch ab. Ist mir passiert. Die Karte zeigte mir dann jedoch, dass es nur noch knapp 900 Meter waren. Ich also rauf auf einen Parkplatz, glücklicherweise war immerhin das kein Problem. Der verzweifelte Blick auf die Uhr: noch 8 Minuten. Durchgeatmet und los. Mit hohen Schuhen. Neuen hohen Schuhen. Gejoggt. Bei 30°C und Sonnenschein. Auf halbem Weg merkte ich, wie ich mir Blasen rieb. Habe dummerweise den Gedanken, die Schuhe einfach auszuziehen, verworfen und bin weiter. – Anmerkung an dieser Stelle: niemals in neuen Schuhen zu Verabredungen oder Termine, wenn ihr weit laufen müsst.

Das Ende vom Lied? Ich war eine Minute vor dem Termin in der Agentur. Knapp. Aber pünktlich. Nur eben nicht aus Sicht der „deutschen Pünktlichkeit“. Vielleicht könnte ich jetzt auch einfach alles auf die öffentlichen Verkehrsmittel und den Stadtverkehr schieben.  Oder ich habe einfach keine Selbstdisziplin. Möglicherweise kann ich auch einfach nichts dafür, wie eine Studie der Washington University von 2016 vermuten lässt. (Demnach gehöre ich nämlich zu den Menschen, die die ein Time-Based Prospektive Memory (TBPM) haben und verliere mich einfach in manchen Aufgaben oder Aktivitäten und bekomme gar nicht mit, dass die Zeit vergeht. Dahinter steckt weder böser Wille noch Absicht, denn es passiert unbewusst! Ha, endlich eine Ausrede, die wissenschaftlich belegt ist.)

 

Hat jetzt mein Ganz-knapp-auf-die-Minute-genau-kommen dazu geführt, dass ich die Stelle nicht bekommen habe? Ich denke nicht. Aber diese Absage – und auch das Verwarngeld im Nachhinein – haben mich mal wieder wach gerüttelt. Mir in den Arsch getreten. Mir klar gemacht, dass ich was ändern muss. An mir selbst arbeiten muss.

Und trotz allem, was passiert: Kopf hoch! Das Leben geht weiter, das nächste Vorstellungsgespräch kommt mit Sicherheit und vielleicht lerne ich was daraus für die Zukunft. (Hahaha, guter Witz. Ich werde für immer die knapp-dran-Freundin sein. Bei wichtigen Gesprächen plane ich in Zukunft trotzdem mindestens 20 Minuten Puffer ein statt 10 – hat letzte Woche übrigens auch sehr gut funktioniert!) 

 

 

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